Digitale Empörungswellen: der Shitstorm

Der Shitstorm ist sicher allen ein Begriff und längst digitaler Alltag der Netzkultur. Ein Artikel über Folgen, Ursachen und was man dagegen tun kann.

Seit rund 10 Jahren ist der Begriff Shitstorm im World Wide Web (und darüber hinaus) bekannt und gebräuchlich. Das Wort bezeichnet eine digitale Empörungswelle. Allerdings steckt oft mehr dahinter als die blosse Empörung der Online Community: Verärgerung bis hin zu Hass und nicht zuletzt auch Cybermobbing. All das findet massenhaft statt und meist kanalübergreifend. 

Was ein Shitstorm ist

Das Wort drückt bereits aus, was einen Shitstorm charakterisiert: eine Welle von negativen Reaktionen, die ein Unternehmen, eine Organisation oder Einzelpersonen förmlich überschwemmen. Denn diese Reaktionen sind nicht nur wenig freundlich, sondern vor allem auch zahlreich. Hunderte, tausende oder zehntausende Beleidigungen auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter oder Dislikes bilden die digitale Empörungswelle. Der Shitstorm ist dabei primär auf das Web beschränkt und breitet sich meist rasant und viral in sozialen Medien aus. 

 

Auch, wenn ein Shitstorm natürlich auch in die Sphäre der Offline-Welt gelangen kann, bildet das Internet und dort vor allem die sozialen Netzwerke den Nährboden des Phänomens. Deshalb ist der Shitstorm eine noch recht junge soziale Praktik, die gewissermassen mit dem Internet aufgetaucht ist. Denn überall dort, wo Menschen sich austauschen, geht es auch einmal weniger nett zu. 

Online beleidigen ist einfacher

Der Shitstorm hat dabei eine zuvor ungekannte Intensität des Ärgers, Streitens und der Beleidigung gebracht. Der Germanist und Medienwissenschaftler Rupert Gaderer bezeichnet Shitstorms als «Intensivierungsmotoren der Wut» und insofern auch als neue Form, dem eigenen Ärger Luft zu machen. Der massgebliche Grund dafür liegt auf der Hand: online ist die Hürde viel geringer, seinem Ärger oder Zorn Luft zu machen. Ein Facebook-Kommentar ist schnell getippt und auf Twitter ist man sowieso anonym unterwegs.

Ein junges US-amerikanisches Mädchen veröffentlichte auf YouTube den Song «Friday» und sah sich einer extrem starken Hasswelle im Internet entgegen.

Digitale Empörungswellen schaukeln sich dabei selbst hoch: ist eine Akteurin oder ein Akteur erst einmal aufgefallen, wird es sozial belohnt, seinem Ärger Luft zu machen. Soziale Netzwerke stellen dazu die technischen Voraussetzungen zur Verfügung. Ein besonders negativer Kommentar unter einem YouTube-Video kann von anderen Nutzer_innen mit einem Like markiert und so gelobt werden. 

Social Media als Nährboden für Shitstorms

Neben der Person oder Organisation, die im Fokus des Shitstorms steht, erhält also auch jede_r, die oder der mitmacht, eine gewisse Aufmerksamkeit und kann damit soziale Anerkennung aus dem Shitstorm ziehen. Soziale Medien nehmen eine neue Rolle ein, wenn es um das Austragen von Konflikten geht. Die Art und Weise, wie Konflikte online ausgetragen werden, unterschieden sich von solchen in der analogen Welt.

 

Wie bereits erwähnt, können Shitstorms auch in die Offline-Welt hineinragen. Grosse Shitstorms landen nicht selten irgendwann bei den klassischen Medien, die deren Verbreitung weiter unterstützen. Digitale Empörungswellen verschieben insofern die Aufmerksamkeitsökonomien und bringen Themen auf die mediale und öffentliche Tagesordnung, die sonst nicht dort gelandet wären. Denn noch immer bestimmen Fernsehkanäle und Zeitungen einen Grossteil der Sujets, die öffentlich diskutiert werden und nehmen damit die Rolle von Agenda Settern ein. 

Wenn ein Shitstorm nicht rechtens ist

Shitstorms können ökonomischen Schaden anrichten und dem Wert und der Reputation einer Marke schaden. Möglich sind auch rechtliche Konsequenzen. Nicht als Phänomen, sondern die Handlungen von Einzelpersonen können sanktioniert oder angezeigt werden. Als ersten Schritt gibt es auf den meisten Social-Media-Plattformen die Möglichkeit, einzelne Beiträge oder ganze Accounts beim Betreiber zu melden. Dies kann zur temporären oder dauerhaften Sperrung eines User Accounts führen. 

 

Zudem können die Betroffenen zivil- oder strafrechtlich vorgehen. Gründe dafür sind zum Beispiel Persönlichkeitsverletzungen, Gehilfenschaft, Ehrverletzungen, üble Nachrede oder Beschimpfungen. Auch lässt sich über ein Gericht regeln, dass bestimmte Inhalte nicht mehr veröffentlicht und damit weiterverbreitet werden. 

Das sollte man tun, wenn ein Shitstorm naht

Was kann ich als Firma oder Einzelperson nun unternehmen, wenn eine digitale Empörungswelle herannaht? Vor allem eines: kommunizieren. Wer den Sturm herannahen sieht, für den ist es meist schon zu spät. Vorbeugen lässt sich mit der passenden Kommunikation. Proaktive, freundliche und besonnene Reaktionen bilden die Grundlage für die Shitstorm-Prävention. Auch kritische Stimmen zur Kenntnis nehmen und darauf eingehen. 

Der Immobiliendienstleister Engel & Völkers erhielt auf Twitter heftige Reaktionen für einen Tweet über weibliche Vorbilder. Hauptreaktion war ein Entschuldigungstweet kurze Zeit später.

Als Betreiber eines Onlineaccounts darf und sollte ich hier aber auch klare Grenzen setzen, wie sie bei jeder Community notwendig sind. Wird es beleidigend, rassistisch oder anders unadäquat, darf man die jeweiligen Personen der Seite verweisen. Grundsätzlich sollten Onlineangebote, auf denen sozialer Austausch möglich ist, wie eine Community behandelt werden. Ein gutes Community Management mit geschulten Moderator_innen kann Wunder wirken.

 

Als Unternehmen muss ich natürlich überhaupt erst einmal wissen, was über mich im Internet verbreitet wird. Passende Monitoringtools können dabei hilfreich sein. Befinde ich mich bereits Auge des Sturms, heisst es: Augen auf und durch. Der Shitstorm selbst bildet auch eine Form der Gemeinschaft ab. Um der Kritik ihre Wucht zu nehmen, kann eine offene und transparente Diskussion helfen. Ebenso ein Blick auf die Statistics der Monitoringtools und Social-Media-Seiten: von wem werde ich überhaupt kritisiert? Hält sich meine Primärzielgruppe heraus oder beteiligt sich diese aktiv am Shitstorm? Solche Informationen helfen dabei, das richtige Kommunikationsverhalten zu zeigen.

Was davon zu halten ist

In einen Shitstorm kann jede_r kommen, ob Unternehmen, Organisation oder Einzelperson. Das Phänomen der öffentlichen Demütigung ist nicht neu – hat mit den sozialen Medien allerdings eine neue Form bekommen. Wer in einen Shitstorm gelangt, sollte proaktiv kommunizieren.

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